Unsere Zeit – die Gegenwart, in der wir leben – ist aktuell der Moment der «Wahrheit gleich Beliebigkeit». Die Politik setzt zuoberst auf die Traktandenliste, was eine Mehrheit des Stimmvolkes fordert. Die Wirtschaft richtet sich nach Angeboten des langfristig höchsten «return on investment». Die Gesellschaft vertraut aufs Handy zulasten eines Dialogs mit Mitmenschen. Im Sport ist am erfolgreichsten, wer die reichsten Investoren für sich gewinnt. Wenn Philosophen heute behaupten, «wahr ist das, was funktioniert» (NZZ), und Menschen ihnen glauben, wird Wahrheit quasi als wechselhafter Modetrend interpretiert. Diese pseudowissenschaftliche Definition scheint gegenwärtig aber gerade nicht mehr zu funktionieren und hat wenig mit dem Begriff der Wahrheit zu tun.
Influencer, Follower, Kryptowährung
Beliebigkeit als Verhaltensweise für eine erfolgreiche Zukunftsbewältigung ist eine Illusion mit explosiven, negativen Spätfolgen. Die Suche nach der Wahrheitsfindung dagegen – als ein ehrlicher und «never-ending»-Prozess um mehr Transparenz in unsicheren Zeiten – könnte im Sinne einer hilfreichen und friedensfördernden Wahrheitssuche erfolgsversprechend sein. Sie könnte quasi als Garant eines stabilisierenden Armierungsgerüsts für ein erdbebensicheres «Gebäude Epochenwandel» dienen und einen Beitrag Richtung Aufbau von Sicherheit und Zuversicht im 21. Jahrhundert leisten.
Ein aktuelles Beispiel für beliebige Wahrheit ist das einer Influencerin, die Millionen von Followerinnen hat (wäre auch vorstellbar als Influencer und Followern) und postet, wie man mit Kryptowährung schnell reich wird, ohne viel zu arbeiten. Erfolgreich suggeriert sie, dadurch frei und unabhängig zu sein. Ob solche «Wahrheiten» beliebig ersetzt werden können, wird sich spätesten im Moment des Krypto-Crashs zeigen.
Persönlicher Machtanspruch über die Wahrheit
Wenn der Präsident der USA heute Lügen und persönliche Beliebigkeit verbreitet, ist er kein Ideologe, der eine Glaubensrichtung vertritt. Er spricht nur für sich, seinen «Golden Trump Tower» in New York, sei es Gebäude oder Gebilde. Und doch hat dieses Verhalten viel mit «Glauben» zu tun: Millionen von Menschen glauben ihm. Wenn er ihnen im Brustton der Überzeugung verrät: «Wenn ich euch sage, es gibt keine Liste, dann gibt es keine» (NZZ am Sonntag), so ist das für sie Wahrheit.
Wenn also heute Menschen in der Psychologie verkünden, «wahr ist, was funktioniert», so würden sie das vielleicht treffender so formulieren: «Was funktioniert, scheint okay zu sein.» Auf diese Weise würden sie nicht in die Falle des modischen Definitionsanspruchs tappen.
Dass ein selbsternannter Heilsverkünder («Make America great again!») im 21. Jahrhundert seine Einflusssphäre auf die ganze Welt ausdehnen kann, ist kaum fassbar. Dass er gleichzeitig den Begriff eines Abkommens oder Vertrags durch «Deal» («Geschäft») ersetzt hat, enthält einen gewissen Kern an Wahrheit: Es geht ihm um ein persönliches Geschäft.
Was ist Wahrheit?
Was ist Wahrheit wirklich? Die Frage steht seit Sokrates unbeantwortet im Raum. Durch seine Fragen an die Gesprächspartner wurde für diese offenkundig, dass ihr Gegenüber dem Ziel der Wahrheit durch ihre Selbsterkenntnis und intellektuelle Bescheidenheit näherzukommen trachtete. Darin liegt der Wert der Frage. Es ist ein ständiger Prozess, ein Dazulernen – allerdings nicht in materieller, sondern in ideeller Hinsicht.
Ob das heute noch so verstanden und gedacht wird? Waren wir nicht der Meinung, dass die Zeiten der Machtkonzentration bei Göttern, Kaisern und Priestern vorbei sind?